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Jahrgänge

 

 

Neunte Ausgabe (2020)

Streitraum: Heritage Futures

Cornelius Holtorf
Heritage Futures, Prefiguration and World Heritage       

 

 

Trinidad Rico
Heritage Time, the Next Zeitgeist. A Response to Cornelius Holtorf’s “Heritage Futures, Prefiguration and World Heritage”       

 

 

Hilmar Schäfer
The Consecration of World Heritage Sites – Practice and Critique       

 

 

Lewis Borck
Seeds to Trees: Connecting the Means and Ends in Heritage Management. A Reply to Holtorf       

 

 

 

[Download Reader: Streitraum Heritage Futures]

 


Achte Ausgabe (2019)

Forschungsbeiträge

Jan Johannes Miera
Ursachen, Formen und Konsequenzen des Erzählens in der Prähistorischen Archäologie: eine Synthese der deutschsprachigen Theoriedebatte   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Im Fokus des Artikels steht das Erzählen von Vergangenheiten in der deutschsprachigen Prähistorischen Archäologie. Ausgehend von theoretischen Überlegungen über das Aussagepotenzial prähistorischer Quellen werden vier Thesen zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen des Faches formuliert: (i) archäologische Quellen sind nicht selbstevident, (ii) archäologische Quellen sind fragmentarisch, (iii) eine Rekonstruktion prähistorischer Lebenswirklichkeiten ist nicht möglich, da prähistorische Gesellschaften nur aus einer etischen Perspektive betrachtet werden können, (iv) Vergangenheit ist ein Teil der Gegenwart und kann nicht losgelöst von ihr erforscht werden. Auf dieser Basis wird archäologisches Erzählen als eine sinnstiftende Syntheseleistung definiert, in deren Zuge Funde und Befunde durch theoretische und methodische Überlegungen angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes zu einem in sich kohärenten Konstrukt plausibel miteinander verknüpft werden. Anschließend werden Varianten der Aneignung von Vergangenheit in Form von Eingemeindung und Exotisierung prähistorischer Lebensverhältnisse sowie Typen des historischen Erzählens nach Rüsen, Erzählmuster nach White und das Konzept der Meistererzählung vorgestellt und an ausgewählten Publikationen illustriert. Abschließend wird die deutschsprachige Theoriediskussion vor dem Hintergrund politischer Entwicklungen und fachinterner Strukturen betrachtet und herausgestellt, dass das Wissen um die Narrativität des eigenen Forschens eine zentrale Erkenntnis für eine ethikorientierte Archäologie ist.

 

This paper focuses on the narrative character of archaeological representations of the past with respect to the debates within German-speaking Prehistoric Archaeology. Based on theoretical considerations about the scientific potential of material remains and archaeological features, four theses regarding the epistemological foundations of the discipline are formulated: (i) archaeological sources are not self-evident, (ii) archaeological sources are fragmentary, (iii) a reconstruction of prehistoric realities is not possible, since prehistoric societies are studied from an etic perspective, (iv) the past is part of the present and cannot be explored without it. Consequently, archaeological narratives are defined as syntheses that link archaeological finds and features through theoretical and methodical considerations in a plausible manner and thus transform the current state of research into a coherent construct. Using illustrative examples, appropriations of the past in the form of incorporation and exoticization as well as types of historical narration introduced by Rüsen, narrative patterns according to White, and the concept of meta-narratives are presented. Finally, the onset of the theoretical reflections in German-speaking Prehistoric Archaeology is discussed against the background of political developments, and it is emphasized that knowledge of the narrativity of one’s own research is key for an ethics-oriented archaeology.

 

Artur Ribeiro
Archaeology and the New Metaphysical Dogmas: Comments on Ontologies and Reality   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Der momentan aktuellste Trend in der Archäologie ist der „Neue Materialismus“. Im Gegensatz zu anderen Strömungen, wie die Prozessuale und Postprozessuale Archäologie, die sich als wissenschaftliche und zum gewissen Teil auch als genaue Repräsentation der Vergangenheit sehen, betrachtet sich dieser Trend als ontologischer und damit als wahrheitsgetreue Repräsentation der Realität selbst. Ziel dieses Beitrages ist es aufzuzeigen, dass metaphysische Spekulationen und ontologische Diskussionen kaum etwas für die Archäologie beitragen können, weil sie keine empirischen Daten berücksichtigen, auf denen archäologische Erklärungsmodelle meistens fußen. Außerdem ist das Aufrechthalten von Dogmata der „wahren Ontologie“ oder „Realität“ in der Metaphysik problematisch. Der Beitrag endet mit dem Vorschlag, dass eine Ontologie im philosophischen Sinne in der Archäologie eigentlich nicht erforderlich ist und dass „Realität“ und „real“ eher im konventionellen Sinne verstanden werden sollten.

 

One of the most popular approaches in archaeological theory today is the New Materialisms. Unlike previous trends, such as processual and postprocessual archaeology, which established themselves as empirically based and to some extent accurate representations of the past, the New Materialisms have put forward arguments in the form of ontology, that is to say, as accurate representations of “reality” in itself. The aim of this paper is to demonstrate that metaphysical speculation and the discussion of ontology holds little value for archaeology, since this type of research does not concern the empirical record on which archaeological explanations tend to be based. Furthermore, the problem with metaphysics is that it upholds dogmas concerning what counts as “true ontology” or “reality”. The paper ends with the suggestion that an ontology, in the philosophical sense, is not actually necessary in archaeology and that “reality” and “real” should be understood in their more conventional sense.

 

Serie:Wissensproduktion in der Archäologie

Sophie-Marie Rotermund, Geesche Wilts, Stefan Schreiber
Angst vor der Postfaktizität? Vergangenheiten als Bricolage   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Die Angst vor der Postfaktizität macht sich in den Wissenschaften, so auch in der Archäologie bemerkbar und erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Status-Quo und zukünftige Strategien, um zum einen mit der Angst und zum anderen mit ‚Postfaktizität‘ umzugehen. Der Rückzug auf vermeintlich sichere, empiristische Positionen, wie sie bisweilen im Glauben an objektive, naturwissenschaftliche Methoden oder die Faktizität archäologischer Materialität praktiziert wird, greift häufig zu kurz. Denn nicht nur naturwissenschaftliche ‚Fakten‘, sondern auch Thesen der Geistes- und Sozialwissenschaften werden durch die Diffamierung als ‚fake news‘ angeprangert. Eine Trennung in ‚faktische‘ Wissenschaft und ‚postfaktische‘ un-/nicht-/pseudowissenschaftliche Diskurse erscheint wenig ausschlaggebend für den Erfolg vergangenheitsbezogener Konstruktionen. Vielmehr existiert schon immer eine Gemengelage aus unterschiedlichsten Interessen und Assoziationen. Durch einen Rekurs auf das Konzept des ‚wilden‘ Wissens in Anlehnung an Claude Lévi-Strauss, diskutieren wir u. a. anhand des ‚Kriegergrabs‘ Bj 581 aus Birka und des Cheddar Man, wie vielschichtig der Konstruktionsprozess der Vergangenheit ist. Erst wenn wir verstehen, wie die Vergangenheiten entlang der Achsen wildes Wissen/rationales Wissen, Faktizität/Postfaktizität und digitaler/analoger Diskussion entstehen, lassen sich die Aufgaben und Herausforderungen einer Archäologie im ‚postfaktischen Zeitalter‘ einschätzen und zugleich erkennen, dass wir schon immer in einem solchen lebten.

 

The fear of alternative facts makes itself felt in the sciences as well as in archaeology. It requires an examination of the status quo and future strategies to deal with both the fear and the alternative facts. We suggest that the retreat to a supposedly safe, empiricist position and the belief in the objectivity of scientific methods and the factuality of archaeological material is the wrong approach. Our reasoning is that scientific facts as well as theses of the humanities and social sciences are being denounced as “fake news”. A separation into “factual” science and “post-factual” or pseudo-scientific discourses does not appear to be crucial for the success of constructions of the past. Rather, there is always a mixed situation of different interests and associations. With recourse to Claude Lévi-Strauss’s concept of the “savage mind”, we discuss the “warrior grave” Bj 581 from Birka as well as the Cheddar Man to illustrate how complex the construction of past is. We can only assess the tasks and challenges of archaeology in the “post-truth era”, when we understand how “the past” emerges in the tensions between “savage knowledge” and “rational knowledge”, between facts and alternative facts, as well as between digital and analogue discussions. And only then can we realize that we have always lived in such an era.

Themenheft: Subalterne Räume

Reinhard Bernbeck und Vera Egbers
Subalterne Räume: Versuch einer Übersicht   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Dieser Artikel präsentiert eine Reihe von Fallstudien, die sich dem Zusammenhang von Subalternität und räumlichen Konfigurationen in der Archäologie und in verwandten Gebieten widmen. Es wird der Ursprung des Begriffs des Subalternen diskutiert und mit unterschiedlichen Konzeptualisierungen von Raum und Räumlichkeit verbunden. Zum einen geht es um Fragen nach den Möglichkeiten der Subalternen, ihre eigenen Räume zu schaffen, und zum anderen um die Grenzen und Möglichkeiten der Archäolog*innen und anderer Sozialwissenschaftler*innen, solche Räumlichkeiten zu identifizieren und zu interpretieren. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, wie in den verschiedenen Beispielen aus Archäologie und Kulturanthropologie versucht wird, den paradoxen Charakter der Auseinandersetzung mit Personen zu überwinden, die für traditionelle Verfahren der akademischen Forschung weitgehend, wenn nicht gar vollständig, unsichtbar bleiben.

 

This paper introduces a series of case studies on the relation between subalternity and spatial configurations in archaeology and related fields. It discusses the origins of the notion of the subaltern and connects it to different conceptualizations of space and spatiality. Questions about the possibility for the subaltern to produce their own spaces are raised, as well as present possibilities and impossibilities for archaeologists and other social science researchers to identify and interpret such spatialities. Emphasis is placed on how various examples from both archaeology and cultural anthropology try to overcome the paradoxical nature of elaborating on people who remain largely if not entirely invisible to traditional procedures of academic research.

 

Heike Delitz
Divergente subalterne Räume und Subjekte: Kulturvergleichende architektursoziologische Überlegungen   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Der Beitrag geht der Frage nach, ob und auf welche Weise Architekturen ‚subalterne Räume‘ und damit subalterne Subjekte erzeugen. Dazu wird einführend das Konzept der Subalternität von G. Spivak im Blick auf den in ihm enthaltenen Raumbegriff skizziert (1). In einem zweiten Schritt wird dieses Konzept durch die postfundamentalistische Tradition der Gesellschaftstheorie ergänzt, die es eher erlaubt, die symbolischen und materiellen Aspekte des Sozialen als Gesellschaft erzeugend, als konstitutiv ernst zu nehmen. Dagegen bleibt die bisher dominante Bestimmung von Subalternität (bei Spivak) auf sprachliche Ausgrenzungen zentriert und zudem vergleichsweise eng an ein marxistisches Gesellschaftskonzept gebunden (2). Die postfundamentalistische Neubestimmung von Gesellschaft als „imaginärer Institution“ (Castoriadis) und als konstituiert durch Ausgrenzung (Laclau/Mouffe) nimmt das Symbolische und damit auch die Artefakte ernster. Es erlaubt systematisch, die Gesellschaftseffekte von Architektur zu eruieren, nicht zuletzt auch deren Beitrag zur Klassifikation und Hierarchisierung von Individuen (3). Mit diesem konzeptionellen Hintergrund vergleicht der letzte, empirische Teil vier einander divergente „architektonische Modi der kollektiven Existenz“ im Blick auf deren Erzeugung ‚subalterner Räume‘: Je nachdem, ob es sich um eine nomadische oder städtische, um sich territorial zerstreuende oder in den Boden eingegrabene architektonische Kultur handelt, werden andere Subjekte als ‚subaltern‘ bestimmt, werden andere subalterne Räume erzeugt, und handelt es sich um andere Formen von Gesellschaft.

 

The paper explores the question of whether and how architectures create ‘subaltern spaces’ and thus subaltern subjects. For this purpose, the concept of subalternity by G. Spivak is sketched, especially with regard to the concept of space inherent to it (1). In a second step, this concept is complemented by the postfundamentalist tradition of social theory: For it makes it possible to take the symbolic and material aspects of the social as constitutive, as constitutive more seriously. Compared with the postfoundational concepts, the hitherto dominant conception of subalternity (of Spivak) remains not only centered on linguistic questions, but is also more closely tied to the Marxist theory of society (2). The postfoundational redefinition of society as “imaginary instituted” (Castoriadis) and as based on constitutive exclusions (Laclau/Mouffe) takes the symbolic and the artifacts more seriously. It therefore allows to think the social effects of architectures more systematically, not at least their contribution to the classification and hierarchization of individuals (3). For this conceptual background, the last and empirical part compares four different ‘architectural modes of collective existence’ in view of their respective creation of ‘subaltern spaces’. Depending on whether they are nomadic or urban, territorial dispersive or ground buried architectural culture, other subjects are designated as ‘subaltern’, other subaltern spaces are created, and they are other forms of society.

 

Vera Egbers
„Ein Assyrer in Urartu“. Thirdspace in der Eisenzeit in Nord-Mesopotamien   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

In dem Beitrag geht es zunächst um die Frage, ob es Räume gibt, die zu einer „subalternen“ Subjektivierung beitragen oder aber ob es Räume „der Subalternen“ gibt, in denen Handlungen, Sprache und Denken stattfinden, die in hegemonialen Strukturen jedoch nicht wahrgenommen werden. „Subalternität“ soll darin nicht nur als sinnbildliche Referenz auf unterdrückte, marginalisierte Subjekte und Gruppen verstanden werden, sondern auch als Strategie der (Selbst-)Kritik an den hegemonialen Raum- und Wissenskonzeptualisierungen innerhalb der Archäologie, durch die andere Räume und Geographien vernachlässigt und unsichtbar gemacht werden. Anhand eines archäologischen Fallbeispiels aus der Eisenzeit Nord-Mesopotamiens wird dargestellt, wie das vom französischen Humangeographen Henri Lefebvre entwickelte Konzept des gelebten Raums bzw. Thirdspace Anwendung finden kann, um sich potentiell Aspekten von Räumen in der Vergangenheit zu nähern, die andernfalls unsichtbar geblieben wären. Ich folge dabei der Frage, ob sich ausgehend von der Analyse der unterschiedlich erzeugten Räumlichkeiten in Assyrien und Urartu im 1. Jt. v.u.Z. rekonstruieren lässt, wie ein assyrisches Subjekt das urartäische Umfeld (z.B. als Kriegsgefangene/r) erlebt hat?

 

The paper first addresses the question of whether there are spaces that contribute to "subaltern" subjectification, or whether there are spaces of "subalterns" in which actions, language, and thought take place that are not recognized by hegemonic structures. "Subalternity" is to be understood not only as a symbolic reference to oppressed, marginalized subjects and groups, but also as a strategy of (self-)criticism of the hegemonic conceptions of space and knowledge within archaeology, through which other spaces and geographies are neglected and made invisible. An archaeological case study from the Iron Age of northern Mesopotamia illustrates how the concept of lived space or thirdspace, developed by the French human geographer Henri Lefebvre, can be used to potentially approach aspects of spaces in the past that otherwise would have remained invisible. I examine the question of whether it is possible to reconstruct how an Assyrian subject might have experienced the Urartian environment (for example, as a POW), starting from the analysis of the differently produced spatialities in Assyria and Urartu in the 1st mill. BCE.

 

Lea Rees und Stefan Schreiber
Die Produktion subalterner Möglichkeitsräume. Zur Umnutzung, Besetzung und Ambivalenz von Raum anhand altägyptischer Beispiele   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Wird Subalternität nicht als Zustand konzipiert, sondern als Prozess von Subjektivierungen, der Subjekte beständig durch hegemoniale Diskurse und Praktiken herstellt, gilt es, jene Diskurse und Praktiken auch archäologisch zu identifizieren. Da diese Diskurse und Praktiken Subalterne bereits in der Vergangenheit nahezu unsichtbar machen sollten, ist der Nachweis subalterner Akteur*innen nur indirekt möglich. Zudem sind die Archäologien selbst hegemoniale Wissensapparate, die dazu beitragen, Subalterne in der Vergangenheit zu produzieren und zu marginalisieren. Versuchen wir, subalterne Gegendiskurse und -praktiken sichtbar zu machen, sind wir mit dem Paradoxon konfrontiert, dass Subalterne, sobald sie ‚greifbar‘ erscheinen, nicht mehr als subaltern gelten können. Dennoch scheint es uns möglich, anhand des archäologischen Befunds Möglichkeitsräume zu erschließen, die subalternen Gruppen ein Handlungs- und Artikulationspotential ermöglichten. Zwar bewegen sich Subalterne in hegemonialen Räumen, produzieren aber beispielsweise mittels Umnutzung, Besetzung oder Doppeldeutigkeiten Gegenräume, in denen subversives Handeln möglich wird. Diese subalternen Möglichkeitsräume möchten wir anhand einiger altägyptischer Beispiele illustrieren und diskutieren, die von Streiks, über Umbauten hegemonialer Räume bis hin zur Besetzung von Tempeln reichen.

 

Understanding subalternity not as a fixed condition, but as a process of subjectification, that constantly creates subjects through hegemonic discourses and practices makes it possible to identify past discourses and practices archaeologically. Just like today, these discourses and practices were used to make subaltern groups in society almost invisible. Therefore, the evidence of subaltern actors in the archaeological record can only be indirect. Moreover, archaeological disciplines themselves function as instruments of hegemonic knowledge, once again producing and marginalising subalterns in the past. Paradoxically, once subaltern counter-discourses and practices appear ‘tangible’, they can no longer be considered as subaltern. Nevertheless, we see a potential in the material record to reveal ‘spaces of possibilities’ (Möglichkeitsräume) that enabled subaltern groups to act and to articulate themselves. Although they move in hegemonic spaces, the subaltern are able to produce subversive counter-spaces, by modifying function, occupying space or creating spatial ambiguities. We would like to illustrate and discuss these subaltern ‘spaces of possibilities’ on the basis of a few case studies from Ancient Egypt, ranging from workers’ strikes and modification of hegemonic spaces to the occupation of temples.

 

Stephanie Merten und Martin Renger
Räume, ihre Orte und Subalternität. Reflexionen am Beispiel von Pompeji   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Der Beitrag widmet sich der soziopolitisch-ökonomischen Sphäre gesellschaftlicher Realitäten, wobei die theoretischen Überlegungen anhand von Beispielen aus dem antiken italischen Raum veranschaulicht werden. Der erste Teil wendet sich den theoretischen Grundlagen subalterner Studien zu. Beginnend mit Antonio Gramsci und seinen Ausführungen zu Subalternität und Proletariat wird anschließend auf die Arbeiten der Subaltern Studies Group Bezug genommen und deren Bemühungen skizziert, marginalisierten Gruppen ihre Rollen in der Geschichtsschreibung wieder zuzuerkennen. Mit Gayatri Chakravorty Spivak und ihrer viel rezipierten Kritik im Aufsatz Can the Subaltern Speak? schließt diese erste Sondierung. Darauf folgen Überlegungen bezüglich der Sicht- und Unsichtbarkeit subalterner Subjekte im Materiellen sowie die daraus sich ergebenen Implikationen. Anschließend wird ein für die Archäologie nutzbarer Subalternitätsbegriff diskutiert. Diesen Betrachtungen werden Anmerkungen zu Aspekten des Ortes und die Entstehung von Räumen in diesem an die Seite gestellt. In Anlehnung an Paul Michel Foucaults Ansatz der Heterotopien sehen wir in divergierenden Formen der Aneignung eines realen Ortes verschiedene Räume gleichzeitig entstehen, die Ausdruck subalterner Handlungen sein können aber nicht zwangsläufig müssen. Erweitert um die historische Dimension sollen abschließend die angeführten Erläuterungen einschließlich des daraus resultierenden Erkenntnisvermögens hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in der historisch-kulturwissenschaftlichen Forschung vor allem am Beispiel Pompejis evaluiert werden. Dabei stehen drei Orte im Fokus der Betrachtung: die loci plebea (Orte des Plebs, verdeutlicht an Mietshäusern), die loci servorum (Orte von Sklav*innen, z. B. das lupanar) und die loci scribendi (mit Graffiti und dipinti ‚beschriebene Orte‘).

 

This contribution addresses the socio political-economic sphere of social realities with theoretical reflections illustrated through examples from the ancient Italic region. The first part of the paper discusses the theoretical foundations of subaltern studies. We begin with Antonio Gramsci and his reflections on subalternity and the proletariat before turning to the work of the Subaltern Studies Group and an outline of their efforts to give marginalized groups a place in historiography. We close this section of the paper with Gayatri Chakravorty Spivak’s frequently cited critique of the Subaltern Studies Group in her essay ‘Can the Subaltern Speak?’. This is followed by considerations of the visibility as well as invisibility of subaltern subjects in the material record and implications resulting there from. Subsequently, we discuss a concept of subalternity that can be used in archaeology. These considerations are accompanied by comments on dimensions of places and the creation of spaces within it. Following Michel Foucault’s approach involving heterotopias, we maintain that in divergent forms of appropriation of a real place different spaces can emerge simultaneously. They can, but must not necessarily be expressions of subaltern actions. The inclusion of an historical dimension as well as the potential for the creation of new knowledge in historical-cultural research will be evaluated using the example of Pompeii. This case study focuses on three kinds of places: the loci plebea (places of the plebs, illustrated by tenement blocks), the loci servorum (places of slaves, e.g. the lupanar) and the loci scribendi (‘inscribed places’ with graffiti and dipinti).

 

Julia Tulke
„Wall for sale, with Acropolis view!“ Street Art, Graffiti und die Archäopolitik der Krise   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Im Athen der Gegenwart, getragen von einer städtischen Landschaft geprägt von Krise und Austerität, haben sich Street Art und Graffiti als gesellschaftlich bedeutsame Medien politischer Subversion im öffentlichen Raum etabliert. Die Wände der Stadt legen Zeugnis ab von einem anhaltenden Ausnahmezustand: politische Slogans und Symbole, Portraits von Protest und sozialen Kämpfen sowie expressive Darstellungen des gelebten Alltags der Krise formen ein lebendes Archiv des historischen Momentes. Entlang des empirischen Beispiels Athen widmet sich dieser Beitrag dem politischen Potenzial von visuellen Interventionen im urbanen Raum. Der Fokus liegt dabei explizit auf Arbeiten, die sich kritisch mit dem symbolischen Erbe der Antike auseinandersetzen. Wie wirken die Worte und Bilder an den Wänden der Stadt auf den urbanen Alltag sowie das kollektive politische Bewusstsein ein? Und welche politischen, womöglich subalternen Möglichkeitsräume entstehen in der Begegnung zwischen Stadtbewohner_innen und Street Art innerhalb der materiellen Konfiguration der Stadt? Die Bedeutung von Street Art und Graffiti liegt hier nicht allein in ihrer repräsentativen Funktion, stets gebunden an den gegebenen sozio-politischen Kontext. Als performative Praxen gestalten sie aktiv den öffentlichen Raum um und schreiben alternative Vorstellungen und politische Möglichkeiten in die Oberfläche der Stadt ein.

 

In contemporary Athens, emerging from an urban landscape deeply transformed by crisis and austerity, the cultural practice of street art has gained enormous significance as a self-authorized medium of public expression. Under the prolonged state of emergency, the walls of the city have come to life with poetic scribbles and political slogans, with portraits of protest and struggle, and expressive depictions of everyday life in the city, forming a living archive of the current historical conjuncture. Following the empirical case study of Athens, this contribution traces the political potential of visual interventions into urban space, focusing specifically on artworks that engage critically with the symbolic purchase of antiquity. How do the words and images on the walls of the city impact the urban everyday as well as the collective political consciousness? And which political, perhaps subaltern, spaces of possibility emerge from the encounter between urban dwellers and street art and graffiti within the material configuration of the city? I here argue that that street art and graffiti are never merely static representations of their given socio-cultural context. Rather, they also have the potential to actively transform urban space and reimagine everyday life by inscribing alternative histories and possibilities into the very surface of the city.

 

 

[Download Themenheft: Subalterne Räume (2019) als Reader]

[Gesamte Ausgabe 8 (2019) als Reader]

 


 

Siebte Ausgabe (2018)

Interviews

Alfredo González-Ruibal, Thomas Kersting, Laurent Olivier and the Editorial Collective of Forum Kritische Archäologie
Archaeology of the Contemporary Past: An Interview with Alfredo González-Ruibal, Thomas Kersting and Laurent Olivier   [Abstract]     

 

Some time ago, Laurent Olivier sent a request to Forum Kritische Archäologie, asking if we would be willing to review a book he and his colleagues had edited. Clashes of Time (2017) is a collection on the theme of archaeology of modern times. Since we do not publish book reviews, we came up with the idea of interviewing him and the editors of two other books on similar topics: Thomas Kersting from the Brandenburg State Heritage Office who co-edited the book Archäologie und Gedächtnis. NS Lagerstandorte Erforschen – Bewahren – Vermitteln (2016) and Alfredo González-Ruibal from the Spanish National Research Council (CSIC), the editor of Rethinking Archaeology: Beyond the Tropes of Modernity (2013). This approach seemed attractive to us because the three interviewees work in different intellectual and disciplinary cultures. Thankfully, all three agreed to respond to a series of seven identical interview questions that we posed to them in writing. Following their answers, we have added a short commentary by the FKA editorial collective.

 

Alfredo González-Ruibal, Thomas Kersting, Laurent Olivier und das Herausgeber_innenkollektiv des Forum Kritische Archäologie
Archäologie der Zeitgeschichte: Ein Interview mit Alfredo González-Ruibal, Thomas Kersting und Laurent Olivier   [Zusammenfassung]       

Vor einiger Zeit sandte Laurent Olivier eine Anfrage an das Forum Kritische Archäologie, ob wir nicht das von ihm und Kollegen herausgegebene Buch mit Themen der Neuzeit-Archäologie, Clashes of Time, rezensieren wollten. Da wir keine Standard-Rezensionen im Programm haben, verfielen wir auf die Idee, mit ihm und zwei anderen Herausgebern mit ähnlichen Themen ein schriftliches Interview zu diesem Themenkreis durchzuführen. Dabei handelt es sich um Thomas Kersting vom Landesdenkmalamt Brandenburg bei Berlin, der den Band Archäologie und Gedächtnis. NS Lagerstandorte Erforschen – Bewahren – Vermitteln mitherausgegeben hat, und Alfredo González-Ruibal vom Spanish National Research Council (CSIC), Herausgeber von Rethinking Archaeology: Beyond the Tropes of Modernity. Reizvoll schien uns dieses Vorgehen deshalb, weil die drei Interviewpartner in unterschiedlichen Wissenschaftskulturen beheimatet sind. Dankenswerterweise stimmten alle drei zu, und wir stellten ihnen sieben identische Fragen. Am Ende der Interviewsektion schließt sich ein Kurzkommentar des FKAKollektivs an.

 

 

Forschungsbeiträge

Stefan Hanß
Objects that Made History. A Material Microhistory of the Sant Crist de Lepant (Barcelona, 1571–2017)   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Dieser Aufsatz umreißt die möglichen Beiträge der Geschichtswissenschaft zur interdisziplinären Theorie und Praxis der Kritischen Archäologie. Insbesondere wird eine „materielle Mikrogeschichte“ am Beispiel eines mit der Seeschlacht von Lepanto ...

 

This article charts the possible contributions of history to the cross-disciplinary theory and practice of critical archaeology. Focusing on a crucifix widely associated with the Battle of Lepanto (1571) on display in the cathedral of Barcelona, the article outlines a material microhistory. Microhistorians’ sense for the complexity of the past, the problems of historical knowledge, the implications of doing history, and their experiments with narratives help to draft reflective and provocative narratives about the past life of objects – and their consequences for the present. The material microhistory of the Lepanto crucifix in Barcelona shifts traditional perspectives. Instead of assuming that the battle was an event of historical significance, the article reflects on how people’s ways of object-related thinking made particular interpretations of the battle as an event of historical significance relevant to their past presence. By examining how objects shaped history and its inherent assumptions about power relations, the article reveals the problematic links between historical materiality and the material of history.

 

Serie:Wissensproduktion in der Archäologie

Maresi Starzmann
Der „Orient“ als Grenzraum: Die koloniale Dimension wissenschaftlicher Narrative zum Nahen Osten   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Im späten 19. Jahrhundert brachten koloniale Diskurse die Vorstellung eines „deutschen Orients“ hervor. In dem auch von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen popularisierten Bild vom Nahen Osten als ursprüngliche deutsche „Heimat“, liefen archäologische bzw. historische Narrative mit zeitgenössischen politischen Sehnsüchten zusammen. Trotz seiner Wirkkraft zeichnete sich in diesem Bild jedoch auch ein ängstliches Spannungsverhältnis zwischen Kolonie und Metropole ab, aus dem heraus sich kolonisierte Subjekte Handlungsräume erschließen konnten. In der kritischen Auseinandersetzung mit der kolonialen Dimension wissenschaftlicher Narrative zeigt dieser Beitrag anhand post- und dekolonialer Perspektiven auf, wie orientalistische Wissensräume destabilisiert werden können.

 

In the late nineteenth century, the imaginary of a “German Orient” emerged as part of existing colonial discourses. As scholars popularized an image of the Middle East as original German “homeland,” archaeological and historical narratives converged with contemporary political desires. Despite its impact, however, this image remained fraught with tensions and anxieties, which opened up space for the agency of colonized subjects. In offering a critical analysis of scientific knowledge production about the Middle East, this paper explores post- as well as decolonial possibilities of destabilizing Orientalist epistemologies.

 

 

[Gesamte Ausgabe 7 (2018) als Reader]

 


 

Sechste Ausgabe (2017)

Forschungsbeiträge

Erhan Tamur
Style, Ethnicity and the Archaeology of the Aramaeans: The Problem of Ethnic Markers in the Art of the Syro-Anatolian Region in the Iron Age   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Die Geschichte der Archäologie ist auch eine Geschichte zahlreicher Versuche, bestimmte „Stile“ der materiellen Kultur mit bestimmten „Kollektivitäten“ zu korrelieren, seien es „Rassen“, „Kulturen“, Ethnien oder der sog. „Volksgeist“. Diese Versuche sind größtenteils von zwei Prämissen geprägt: a) einem Verständnis von materieller Kultur als reine Reflektion kollektiv-kognitiver Strukturen sowie einheitlicher Denkweisen; b) der Vorannahme, es gäbe eingrenzbare, homogene „Identitäten“, die durch eindeutig bestimmbare Merkmale artikuliert werden. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf den Auswirkungen dieser beiden Prämissen auf die Untersuchungen der skulpturalen Kunst der syro-anatolischen Stadtstaaten der Eisenzeit (ca. 12.–7. Jahrhundert v. u. Z.). „Stile“ materieller Kultur wurden oft gemeinsam mit Sprachverteilung, Schrift und Herrschernamen verwendet, um Ethnien einer Region zu kartieren und damit verbundene historische Narrative zu konstruieren. Anhand der Konstruktion und praktischen Verwendung des Begriffs „Aramäischer Stil“ erfolgt hier eine nähere Betrachtung der theoretischmethodologischen Basis archäologischer und kunsthistorischer Klassifizierung, die letztlich zu einer Neueinschätzung der vorherrschenden Einordnung syro-anatolischer Kunst führt. Zudem führt diese Kritik nicht nur zu einer Neubewertung materieller Korrelate aramäischer Ethnizität, sondern auch des Ansatzes, vergangene Subjektivitäten in Archäologie und Kunstgeschichte einzubeziehen.

 

The history of archaeology is also the history of numerous attempts to correlate certain “styles” of material culture with certain “collectivities,” be they defined as “races,” “cultures,” “spirits,” or ethnicities. These attempts are largely characterized by two main premises: a) an understanding of material culture as a mere reflection of collective cognitive structures and unified mind-sets; b) presuppositions concerning the very existence of bounded, homogeneous “identities,” which are articulated through fixed “markers.” This paper focuses on the repercussions of these two premises on the studies of the sculptural art of Syro-Anatolian city-states in the Iron Age (ca. 12th to 7th centuries BCE). Along with the distribution of languages, scripts, and onomastica, “styles” of material culture have been frequently utilized to “map” the ethnicities of the region and to construct related historical narratives. Particularly, the way the term “Aramaean style” has been constructed and put into practice necessitates a closer look into the theoretical and methodological foundations of archaeological and art-historical classification, which leads not only to a reappraisal of the prevailing classifications of Syro-Anatolian art but also to a re-evaluation of the material correlates of an Aramaean ethnicity and of the ways in which past subjectivities are accounted for in archaeology and art history.

 

Juliane Lippok
Archäologie, Volkskunde und die Sepulkralkultur der Neuzeit: eine praxissoziologische Perspektive   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Eine Möglichkeit, den dynamischen Wandel in der Neuzeit (1500–1800) zu erfassen, ist die Erforschung der Sepulkralkultur. Forschungsgeschichtlich haben sich zuerst die Europäische Ethnologie und später die Neuzeitarchäologie mit der materiellen Kultur der Neuzeit beschäftigt. Dennoch ist die gegenwärtige Situation durch eine mangelnde Zusammenarbeit beider Disziplinen und die Verzerrung des Forschungsfeldes durch veraltete Forschungsprämissen gekennzeichnet. Der Grund dafür ist in der Geschichte der beiden Fächer zu suchen. Die Frage, die sich heute stellt, ist, wie der so zwischen den Fächern entstandene Graben überbrückt und eine gemeinsame, umfassendere Forschungspraxis etabliert werden kann. Als Lösung schlage ich eine praxissoziologische Perspektive als Forschungshaltung vor. Das hat zwei Effekte. Zum einen wird ein Instrumentarium für gemeinsame Forschungen der Europäischen Ethnologie und der Neuzeitarchäologie bereitgestellt und zum anderen wird die ständige Reflexion der Forschungspraxis ermöglicht. Daraus resultiert eine differenziertere Erforschung der Neuzeit.

 

The Early Modern period (1500–1800) was a time of dynamic changes. One way to explore these changes is the investigation of post-medieval burial practices. From an historical perspective, post-medieval material culture first became the subject of folklore studies, later of post-medieval archaeology. However, currently the relationship between both disciplines is characterized by a lack of cooperation and outdated research premises. This situation results from each discipline’s own history. One of the current problems is how to bridge the gap between the disciplines that emerged from these developments, in order to enable new joint, high-standard research projects. I am suggesting a perspective rooted in sociological concepts of practice, which I consider a viable solution to this problem. The proposed approach will have two effects: first, it will provide an instrument for joint research endeavours; second, it will allow for a constant reflection of established research practices. This will result in improved, more comprehensive, and more adequate research strategies towards the Early Modern Period.

 

 

[Gesamte Ausgabe 6 (2017) als Reader]

 


 

Fünfte Ausgabe (2016)

Forschungsbeiträge

Raimund Karl
Obrigkeit und Untertan im denkmalpflegerischen Diskurs. Standesdenken als Barriere für eine Citizen Science?   [Zusammenfassung]   [Abstract]    

Die primäre Aufgabe der archäologischen Denkmalpflege ist die Wahrung des „öffentlichen Interesses“ an der Archäologie. Wie sich dieses konstituiert oder wie es bestimmt werden sollte, hat sich jedoch über die letzten 200 Jahre hinweg maßgeblich geändert. In den weit stärker hierarchischen Gesellschaften Österreichs und Deutschlands vor 200 Jahren war selbstverständlich, dass „öffentliches Interesse“ von oben herab vorgeschrieben wurde: es erging entweder vom Kaiser selbst an dessen Volk (oder Völker), oder aber von der mit „besonderem Sachverstand“ und kaiserlicher Autorität ausgestatteten Bürokratie, der Obrigkeit, an deren Normuntergebene, die Untertanen. Mit dem seitherigen Aufschwung bürgerlicher Gesellschaften gibt es hingegen eine verstärkte Egalisierung der Gesellschaft und eine Neukonzeption der Vorstellung, wie sich „öffentliches Interesse“ konstituieren soll: durch einen „öffentlichen Diskurs“, in dem gleichberechtigte BürgerInnen gleichermaßen gehört werden und gleichberechtigt ihre Interessen vertreten und durchsetzen können. Wie in diesem Beitrag gezeigt wird, ist dieses egalitäre Konzept in der (österreichischen) archäologischen Denkmalpflege bislang kaum angekommen: das Verhältnis zwischen nun wissenschaftlicher statt kaiserlicher Obrigkeit und staatsbürgerlichem Untertan ist im Vormärz steckengeblieben. Die Ursache dafür ist ein vollständiges Fehlen eines öffentlichen Diskurses und die spezifische Ordnung des wissenschaftlichen Diskurses zur Problematik.

 

The primary task of archaeological heritage management is to represent the “public interest” in archaeology. How this is constituted, or how this interest should be determined, has changed significantly over the past 200 years. In the much more hierarchical societies of Austria and Germany of 200 years ago, it was natural that what was deemed to be the “public interest” was imposed from above: either the emperor dispensed it to his people (or peoples), or the bureaucracy, invested with imperial authority and in possession of “special expertise” , imposed it on its subjects. Yet, with the emergence of democratic systems of governance, societies have become much more egalitarian, and the means by which the “public interest” should be determined has been re-conceptualised: by means of a “public discourse” in which citizens with equal rights must be heard and can represent and advance their own interests. As this contribution demonstrates this egalitarian concept has hardly arrived in (Austrian) archaeological heritage management as yet: the relationship between what is now scholarly rather than imperial authority and the civic subject is still stuck before the 1848 Revolution. The cause of this is the complete lack of a public discourse and the specific form of scholarly engagement with archaeological heritage management.

 

Serie:Wissensproduktion in der Archäologie

HerausgeberInnen-Kollektiv
Vorwort der Herausgeber_innen zum Auftakt der Serie „Wissensproduktion in der Archäologie“       

 

 

Editorial Collective of FKA
The Production of Knowledge in Archaeology       

 

 

Susanne Grunwald
Archäologischer Raum ist politischer Raum. Neue Perspektiven auf die Archäologische Kartographie (1. Beitrag)   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Im folgenden Beitrag sollen die Potentiale einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive auf die deutsche archäologische Kartographie aufgezeigt werden. Dafür wird der Zusammenhang zwischen zeitgenössischen politischen Raumdiskursen und deren kartographischen Repräsentationen einerseits und den von PrähistorikerInnen rekonstruierten und kartierten prähistorischen Raumordnungen andererseits näher untersucht. Nach einem Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand zur archäologischen Kartographie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wird eine kurze Einführung in die Perspektiven der sog. critical cartography folgen. Am Beispiel einer Karte von Robert Beltz (1899) und einer von Gustaf Kossinna (1924) werden diese Zusammenhänge zwischen zeitgenössischen politischen Raumordnungen und -diskursen und den von PrähistorikerInnen rekonstruierten und kartierten prähistorischen Raumordnungen aufgezeigt. Obgleich diese Beispiele raum- und zeitgebunden sind, sollen sie helfen, für Fragen nach der Herkunft und dem Entstehungskontext von Kartengrundlagen für die Archäologische Kartographie zu sensibilisieren und die Entstehung von Raumkonzepten in der Forschung zu hinterfragen.

 

The aim of this paper is to discuss the potentials of a historical perspective on mapping as an essential archaeological method. Implications between the political discourses of space and their cartographical representations in the late 19th and early 20th century on the one hand and the reconstructed and mapped prehistoric spatial orders on the other hand are investigated using two examples. An overview on the current state of research of archaeological mapping until the middle of the 20th century is followed by a short introduction into the so-called Critical Cartography. Using the examples of a map by Robert Beltz (1899) and a map by Gustaf Kossinna (1924) these different correlations and implications between current spatial discourses and mapped prehistorical spaces are shown. Although these examples are space and time dependent they can hopefully be helpful to sensitize to questions concerning the roots and context of the material for archaeological mapping and the development of spatial concepts in archaeology.

 

Streitraum: Reverse Engineering

Gabriel Moshenska
Reverse engineering and the archaeology of the modern world   [Zusammenfassung]   [Abstract]     

Dieser Beitrag erörtert die praktischen und begrifflichen Zusammenhänge zwischen der Archäologie postindustrieller Gesellschaften und dem Prozess des Reverse Engineering. Das Augenmerk hierbei liegt auf den diesen Feldern gemeinsamen Themen, wie dem Verlust technischer Expertise und dem zunehmenden Problem der Obsoleszenz bei der technologischen Infrastruktur und der Aufbewahrung digitaler Daten. Zur Ausleuchtung der Zusammenhänge werden mehrere Fallbeispiele herangezogen, unter anderem die impliziten Anwendungen von Reverse Engineering in der Archäologie – zum Beispiel die chemische Analyse ägyptischer Mummifizierungsprozesse und alchemistischer Gerätschaften – sowie der Gebrauch archäologischer Konzepte und Terminologie im Bereich des Reverse Engineering. Die Auffassung der Archäologie als Prozess des Reverse Engineering wird anhand von Militärflugzeugen, postindustriellen Landschaften und sogenannten „non-places“ untersucht. Hierbei wird demonstriert, wie schwierig der Folgeschluss von der Technologie der Vergangenheit auf vergangene Formen menschlicher Aktivität und menschlichen Wissens ist, vor allem wenn es sich um implizites oder „stilles“ Wissen handelt. Der Schlussteil des Beitrags bespricht die Möglichkeiten und die Grenzen der Zusammenarbeit zwischen dem Bereich des Reverse Engineering und der Archäologie der modernen Welt und wirft Fragen zur weiteren Debatte auf.

 

This paper explores the practical and conceptual connections between the archaeology of post-industrial societies and the process of reverse engineering. It explores common themes such as industrial decline, the loss of technical expertise, and the growing problem of obsolescence both in technological infrastructure and in the manage- ment of digital data. To illuminate the connections between the two fields it considers several examples. These include the implicit applications of reverse engineering in archaeology, such as chemical analyses of Egyptian mummification and alchemical equipment, as well as the use of archaeological concepts and terminologies in reverse engineering. The concept of archaeology as reverse engineering is examined with regard to military aircraft, post-industrial landscapes and so-called ‘non-places’. These illustrate the difficulty in inferring different forms of human activity and knowledge in past technologies, in particular so-called ‘tacit knowledge’. The final part of the paper discusses the potentials and limitations of building links between reverse engineering and the archaeology of the modern world, raising questions for further consideration.

 

Shannon Lee Dawdy
Gabriel Moshenska’s „Reverse engineering and the archaeology of the modern world“: a response       

 

 

Matt Edgeworth
Reverse engineering and the archaeology of flowing materials. A response to Gabriel Moshenska’s paper       

 

 

Christine Finn
Comment on Gabriel Moshenska: Reverse engineering and the archaeology of the modern world       

 

 

Ulrich Müller
Das Cookie Monster und sein iPhone - Bemerkungen zum Beitrag von Gabriel Moshenska über reverse engineering and the archaeology of the modern world       

 

 

Angela A. Piccini
Comment on Gabriel Moshenska: Reverse engineering and the archaeology of the modern world       

 

 

Gabriel Moshenska
Reverse engineering and the archaeology of the modern world: Response to comments        

 

 

Streitraum 'Reverse Engineering' als Reader

[Gesamte Ausgabe 5 (2016) als Reader]

 


 

Vierte Ausgabe (2015)

Forschungsbeiträge

Daniel Lau und Andre Gamerschlag
Das Recht der Tiere, wahrgenommen zu werden. Das Potential der Human-Animal Studies in der Westasiatischen Altertumskunde   [Zusammenfassung]   [Abstract]

Dieser Artikel ergründet das Potential des jungen Forschungsfeldes der Human-Animal Studies, unter veränderten Blickwinkeln neue Fragen an die Westasiatische Altertumskunde zu stellen. Nach einer kurzen Darstellung zum Selbstverständnis der Human-Animal Studies und ihrer Entwicklung im deutschsprachigen Raum werden die Quellen der Westasiatischen Altertumskunde hinsichtlich einer Verwertbarkeit für die Human-Animal Studies vorgestellt. Die beispielhafte Besprechung einer kritischen Domestikationsforschung schließt den Artikel ab.

 

This article explores the potential of the young field of Human-Animal Studies to raise new questions originating from changed perspectives within West Asian Archaeology. After a brief introduction to human-animal studies and their development in German-speaking countries, the available evidential sources for West Asian archaeology are presented in terms of their potentials for Human-Animal Studies. A critical view on domestication offers a concrete example that concludes the article.

 

Streitraum: Das Leipziger Völkerschlacht-Reenactment

Bertram Haude
Krieg als Hobby? Das Leipziger Völkerschlacht-Reenactment und der Versuch einer Entgegnung.   [Zusammenfassung]  

Im Oktober marschieren alljährlich in Leipzig Reenactors auf, um unter dem Jubel der ZuschauerInnen die sogenannte Völkerschlacht von 1813 nachzustellen. Als das 200-jährige „Jubiläum“ der Völkerschlacht ein in die Tausende reichendes Publikum anzog, entgegnete der Künstler Bertram Haude diesem Massenevent mit der Gründung der “International Shattered Liberation Force” (ISLF), einer Gruppe von Gegen-Reenactors, die mit ihrem Auftreten als geschundene, verwundete und zermürbte Kriegsverlierer das einseitig glanzvolle Bild eines festlichen Krieges zu stören versuchte. Daraus resultiert eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Reenactment. Der streitbare Essay soll dazu anregen, über die Rolle der Erinnerungskultur insgesamt nachzudenken.

 

 

Stefanie Samida
Krieg(s)|spiele(n)  

 

 

Wolfgang Hochbruck
Eine Replik auf Bertram Haudes Essay „Krieg als Hobby?“   [Zusammenfassung]  

Eine Replik auf Bertram Haudes Essay „Krieg als Hobby?“

 

 

Tom Stern
Reenactment, Archäologie und Film – Ein Seitenblick auf Bertram Haudes Essay „Krieg als Hobby?“   [Zusammenfassung]  

Reenactment, Archäologie und Film – Ein Seitenblick auf Bertram Haudes Essay „Krieg als Hobby?“

 

 

Streitraum 'Reenactment' als Reader

Streitraum: "Citizen Science" – eine Programmatik zur Rehabilitierung des Handelns
wissenschaftlicher Laiinnen und Laien und ihre Implikationen für die Archäologie

Matthias Jung
„Citizen Science“ – eine Programmatik zur Rehabilitierung des Handelns wissenschaftlicher Laiinnen und Laien und ihre Implikationen für die Archäologie   [Zusammenfassung]   [Abstract]    

In seinem unlängst erschienenen Buch „Citizen Science“ untersucht der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke die Rolle von Laiinnen und Laien für die Wissenschaft. Sein Anliegen ist es, ihre Bedeutung für den Erkenntnisfortschritt wie auch für ein praxisbezogenes bürgerschaftliches Engagement darzulegen. Aus zahlreichen Blickwinkeln variiert Finke den Grundgedanken einer Kontinuität des Handelns von Laiinnen und Laien zu dem von Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern, die durch die institutionalisierten Erscheinungsformen der Wissenschaft verschleiert wird. Demgegenüber sollen im vorliegenden Beitrag Aspekte der Diskontinuität hervorgehoben werden, die es zu berücksichtigen gilt, gerade wenn man von der Wichtigkeit einer Etablierung und Förderung von „Citizen Science“ überzeugt ist.

 

In his recent book, Citizen Science, the philosopher of science Peter Finke investigates the role of amateurs in science. His concern is to sketch their importance for the progress of knowledge as well as for a praxis-oriented citizen engagement. Working from multiple perspectives Finke examines the idea of a continuity of action (Handeln) between amateurs on the one hand and scientific experts on the other, which he argues is disguised by institutionalized manifestations of science. In contrast, in this paper aspects of the discontinuity are highlighted. These should be kept in mind especially if one is convinced of the importance of establishing and supporting “citizen science.”

 

Maria Theresia Starzmann
Kommentar zu Matthias Jung, „Citizen Science“ – eine Programmatik zur Rehabilitierung des Handelns wissenschaftlicher Laiinnen und Laien und ihre Implikationen für die Archäologie.      

 

 

Cornelius Holtorf
Ein Kommentar zu Matthias Jungs Kritik an „Citizen Science“      

 

 

Thomas Kersting
„Citizen Science“ und Landesarchäologie: erfolgreiche Partnerschaft in Brandenburg      

 

 

Peter Finke
Archäologie und Citizen Science. Eine Erwiderung auf Matthias Jung, Maria Theresia Starzmann, Cornelius Holtorf und Thomas Kersting   [Zusammenfassung]      

Einleitung: "Matthias Jung hat sich mit seinem Artikel „Citizen Science – eine Programmatik zur Rehabilitierung des Handelns wissenschaftlicher Laiinnen und Laien und ihre Implikationen für die Archäologie“ in der Zeitschrift „Forum Kritische Archäologie“ mit Aspekten meines Buches „Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien“ auseinandergesetzt und damit versucht, das aktuelle Thema Citizen Science oder BürgerInnenwissenschaft1 auch für die Archäologie zu öffnen.2 Hierauf haben Maria Theresia Starzmann, Cornelius Holtorf und Thomas Kersting mit ihren Kommentaren geantwortet;3 ich möchte jetzt meinerseits zu dieser Diskussion Stellung nehmen. [...] "

 

 

Streitraum 'Citizen Science' als Reader    

 

[Gesamte Ausgabe 4 (2015) als Reader]

 

 


Dritte Ausgabe (2014)

Themenheft: Zeichen der Zeit. Archäologische Perspektiven auf Zeiterfahrung, Zeitpraktiken und Zeitkonzepte

Herausgegeben von Sabine Reinhold und Kerstin P. Hofmann

Kerstin P. Hofmann, Sabine Reinhold
ZeitSpurenSuchen. Eine Einleitung  

 

 

Ulrike Sommer
Zeit, Erinnerung und Geschichte   [Zusammenfassung]  

Zeitmessung beruht auf kosmischen Ereignissen, Zeitwahrnehmung kann auch über biologische Veränderungenerfolgen. Die Kontrolle der Zeitmessung ist mit politischer und wirtschaftlicher Macht verbunden. Ob und inwieweit Zeitwahrnehmung gesellschaftlich bedingt ist (lineare vs. zyklische Zeit), ist umstritten. Zeitmessung und Zeitverlaufsvorstellungen sollten hier auseinandergehalten werden. In bestimmten Gesellschaften wird die Erinnerung an die Vergangenheit organisiert und institutionalisiert, zum Beispiel als Geschichtsschreibung. Im zweiten Teil des Artikels diskutiere ich die Verbindung von Artefakten/Monumenten, kollektiver Erinnerung und Geschichtsbewußtsein, sowie die diesbezüglichen Erkenntnismöglichkeit der Archäologie auf verschiedene Zeitskalen.

 

 

Ulf Ickerodt
Gleichzeitiges und Ungleichzeitiges, Lebensrhythmen und Eigenzeiten in Vergangenheit und Gegenwart – Bemerkungen zur Unbestimmtheitsrelation von archäologischen Zeitbeobachtungen   [Zusammenfassung]  

Die chronologische Bewertung des archäologischen Untersuchungsmaterials sowie dessen Deutung gehen eine enge Symbiose ein. Ihr Bindeglied ist das europäische Entwicklungsdenken. Dessen verbreitete Akzeptanz macht archäologische Forschung in seiner heutigen Ausprägung erst möglich. Wegbereiter dieser Form des Zeitverstehens waren geologische, paläontologische und ethnografische Feldbeobachtungen. Insbesondere das ethnografische Präsens wurde auf die menschliche Vor- und Frühgeschichte ausgedehnt. So entstand das Bild der kulturellen Statik der Steinzeit und der sich zur Gegenwart hin beschleunigenden Geschichte. Dieser Gegensatz resultiert letztlich aus der Verschmelzung der Plausibilitäten ‚unserer‘ kulturellen Eigenzeit mit der der wissenschaftlichen Beobachtungssituation. Die eigenen Zeitkonventionen wirken sich auf den fachlichen Umgang mit kultur- und naturwissenschaftlichen Datierungen und Chronologiesystemen aus. Sie führen zu der hier untersuchten inhaltlichen Unbestimmtheit des archäologischen Deutens.

 

 

Undine Stabrey
Archäologie als Zeitmaschine: Zur Temporalisierung von Dingen   [Zusammenfassung]  

Wissenschaftlich Neues und gesellschaftlicher Wandel wechselwirken. Die Gegenwart um 1800 verändert Temporalstrukturen ebenso spezifisch wie sie als neue Zeitstruktur selbst die Bildung wissenschaftlicher Erkenntnis erst hervorbringt. Die Zeitgestaltung der sich industrialisierenden Jahrzehnte um 1800 verzeitlicht alle Daseinsbereiche auf neue Weise. Gerade mehr Materialität, die Vervielfältigung und Beschleunigung von Dingen, bringt dabei neue Zeitstrukturen hervor. Das hat auch Auswirkungen auf die archäologische Forschung: Denn in diesen temporalen Konstellationen bildet die Archäologie methodologische Grundmuster, mit denen sie fortan ihre Logik systemisch formen sollte, ausgehend von ihrem nun zeitorientierten Gegenstand, dem Materialen – der dinglichen Welt vergangener Kulturen

 

 

Eva Rosenstock
Zyklische Abläufe als Hilfsmittel zur Deutung von Zeit in der Archäologie   [Zusammenfassung]  

Natürliche zyklische Vorgänge, d.h. astronomische Zyklen wie der Sonnentag, der Mondmonat oder das Sonnenjahr oder physiologische Zyklen wie der circadiane Rhythmus oder der Menstruationszyklus, werden oft verwendet, um in archäologischen Funden und Befunden eingebettete Zeitinformation aufzudecken. Die Deutung bestimmter prähistorischer Artefakte als Kalendarien stellt hierfür ein wichtiges Beispiel dar. Neben einer Bevorzugung physiologischer Rhythmen als Analogien für das Paläo- und Neolithikum und astronomischer Rhythmen für die Bronzezeit fällt auf, daß in der Archäologie oft nur nach auffallenden Zahlen wie 29 oder 30 gesucht wird, ohne Hinweise für die Wiederkehr dieser Zählungen in den Artefakten zu liefern. Siedlungsstratigraphien, das zweite Beispiel, können ebenfalls als Resultate zugrundeliegender natürlicher Zyklen wie dem Jahr, Generationenwechseln oder Regenerationszyklen von Bauholz gedeutet werden. Während Ansätze, die nur die reine Tiefe der Ablagerungen heranziehen, sehr unzuverlässig sind, erlauben wiederholte Ablagerungen ähnlicher Befunde wie Fußböden oder Häuser mit bekannter Zeitdauer die Interpretation von Stratigraphien in Analogie zu natürlichen Rhythmit-Sedimenten wie den Warven. In beiden Beispielen muß jedoch beachtet werden, daß alle Zeiteinheiten wie der Monat oder das Landwirtschaftsjahr menschliche Konstrukte sind, die an die natürlichen Zyklen nur angelehnt sind, und daß auch völlig künstliche Zyklen wie die Woche existieren.

 

 

Stefanie Samida
Moderne Zeitreisen oder Die performative Aneignung vergangener Lebenswelten   [Zusammenfassung]  

Der Begriff ‚Living History‘, im Deutschen oft als lebendige/wiederbelebte/erlebte Geschichte übersetzt, steht sowohl für populäre Geschichtsrepräsentationen als auch für den Versuch einer emotionalen Aneignung von Vergangenheit. Im Zentrum des Beitrages stehen die ‚Zeitreisenden‘ und ihr Eintauchen in fremde Welten. Nach einer knappen Skizzierung des fachübergreifenden Forschungsfelds schließen sich einige terminologische Bemerkungen bezüglich des Begriffs ‚Living History‘ an. In einem dritten Teil wird dann die Frage verfolgt, mit welchen Mitteln die Akteure meinen, den ‚Zeitsprung‘ herstellen zu können und was sie motiviert, sich aus unserer Zeit in eine andere zu begeben. Die Analyse verdeutlicht, dass die Zeitreise ein kulturelles Konstrukt ist und als karnevaleskes Abenteuer verstanden werden kann. Zuletzt wird das Potential der ‚Living History‘ als Forschungsgegenstand der Prähistorischen Archäologie beleuchtet.

 

 

Themenheft 'Zeichen der Zeit' dieser Ausgabe als Reader

Streitraum: Ausstellungszensur

Stefan Maneval
Niemand hat die Absicht, einen Aufsatz zu zensieren. Archäologie, Politik und Zensur im Zusammenhang mit der Ausstellung „Roads of Arabia. Archäologische Schätze aus Saudi-Arabien“   [Zusammenfassung]  [Abstract]

Am Beispiel der Berliner Ausstellung „Roads of Arabia. Archäologische Schätze aus Saudi-Arabien“ (Musuem für Islamische Kunst, Frühjahr 2012) diskutiert dieser Essay die Verbindung von archäologischer Wissensvermittlung mit politischen Zielen. Ausgehend von der Zensur eines Aufsatzes für den Ausstellungskatalog durch die saudische Generalbehörde für Tourismus und Altertümer erörtere ich, inwiefern die Ausstellung einen Beitrag zum Machterhalt des saudischen Königshauses lieferte. Der Essay nimmt Bezug auf öffentliche Debatten über die Zusammenarbeit deutscher Kulturinstitutionen mit autoritären Staaten und fragt nach den Konsequenzen, die aus dem Vorfall für vergleichbare zukünftige Kooperationen zu ziehen sind. Mein Vorschlag in dieser Hinsicht lautet, dass sich kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen über die forschungsethischen Grundlagen der Kooperation mit Institutionen autoritärer Staaten verständigen sollten, um Bedingungen und Grenzen der Zusammenarbeit zu formulieren.

 

This essay deals with the connection between knowledge transfer and politics in archaeology, taking the exhibition “Roads of Arabia: Archaeological treasures from Saudi- Arabia” as an example. The exhibition was shown in the Museum for Islamic Art in Berlin in spring 2012. Based upon the censorship of an article for the exhibition catalogue through the Saudi Commission for Tourism and Antiquities, I argue that the exhibition was used in various ways as a means to stabilize Saudi rule. The essay refers to recent public debates about the cooperation of German cultural institutions with authoritarian regimes and discusses the consequences that should be drawn for future cooperations. I conclude with the suggestion to initiate a dialogue on the ethical principles of international cultural and research collaboration in order to formulate conditions and boundaries of cooperation.

 

Dominik Bonatz
Archäologie, Politik und Zensur im Zusammenhang mit der Ausstellung ‘Roads of Arabia‘   [Zusammenfassung]  

Der Autor demonstriert wissenschaftliche Courage, indem er mit seinem Artikel „Niemand hat die Absicht, einen Aufsatz zu zensieren“ öffentlich Kritik an der Zensur eines im Rahmen der Ausstellung „Roads of Arabia. Archäologische Schätze aus Saudi- Arabien“ geplanten Katalogbeitrages übt. Der Katalog erschien als Begleitbuch zu der im Museum für Islamische Kunst in Berlin im Frühjahr 2012 gezeigten Ausstellung. Mitherausgeber war die Saudische Generalbehörde für Tourismus und Altertümer, die kurz vor Drucklegung des Kataloges ihr Einverständnis zur Publikation eines Beitrages über den Staatenbildungsprozess und die jüngere Geschichte Saudi-Arabiens entzog. Der Aufsatz hätte historische Hintergrundinformationen zu dem in der Ausstellung dem Gründer des saudischen Königreichs, Ibn Saud, gewidmeten Raum geliefert. Da die darin gebotene kritische Darstellung der geschichtlichen Ereignisse nicht dem offiziellen, durch die saudische Regierung vertretenen Geschichtsbild entsprach, wurde der Aufsatz zunächst bis zur Unkenntlichkeit zensiert und schließlich durch einen regimekonformen Beitrag eines saudischen Historikers ersetzt.

 

 

Susanne Bocher
Museen und ethische Grundsätze   [Zusammenfassung]  

Der Essay von Stefan Maneval greift einen brisanten und sehr aktuellen Themenkomplex auf: den Umgang mit archäologischen Objekten aus anderen Ländern in Ausstellungen in Deutschland und die Frage der Einbeziehung dieser Herkunftsländer bzw. ihrer Vertreter in die Einordnung und Interpretation der Funde in Hinblick auf historische sowie aktuelle politische und kulturrelevante Themen. Anhand eigener persönlicher Erlebnisse bei den Vorbereitungen zur Ausstellung „Roads of Arabia“ 2012 in Berlin beschreibt der Autor seine Erfahrungen auf diesem Gebiet, die er zum Teil objektiv und relativierend, zum Teil aber auch sehr emotional formuliert.

 

 

Mamoun Fansa
Schuld haben die Politik und die Geschichte   [Zusammenfassung]  

Warum ist die Zusammenarbeit zwischen den Museen in Deutschland und den arabischen Ländern so schwierig? Die Antwort ist vielschichtig und stützt sich auf viele historische Fakten.

Es herrschen zwischen Europa und den Ländern des Vorderen Orients sowohl auf politischer als auch auf menschlicher Ebene Misstrauen und Ängste, die aus historischen Ereignissen resultieren. Man muss leider, um die Ressentiments der Bevölkerung und der Verantwortlichen im Kulturbereich im Nahen Osten zu verstehen, weit in die Geschichte der Beziehungen zwischen Mitteleuropa und dem Vorderen Orient zurückgreifen. Ich möchte hier einige markante historische Ereignisse kurz schildern.

Seit Gründung der islamischen Religion ist eine Barriere zwischen der christlichen Religion im Abendland und der islamischen Religion im Vorderen Orient entstanden.

 

 

Streitraum 'Ausstellungszensur' als Reader

Streitraum: Entangled

Susan Pollock, Reinhard Bernbeck, Carolin Jauß, Johannes Greger, Constance von Rüden, Stefan Schreiber
Entangled Discussions: Talking with Ian Hodder About His Book Entangled Berlin, 14. December 2013   [Abstract]

 

Synthesis compiled by:  Susan Pollock, Reinhard Bernbeck, Carolin Jauß, Johannes Greger, Constance von Rüden, Stefan Schreiber

Through a series of fortuitous events, Ian Hodder agreed to visit the Institut für Vorderasiatische Archäologie (Institute of Western Asian Archaeology), Freie Universität Berlin in early December 2013 to discuss his recent book, Entangled: An Archaeology of the Relationships between Humans and Things. A group of interested students and scholars assembled for this occasion. As organizers of this event, we are pleased to acknowledge the sponsorship of the Excellence Cluster Topoi and the Institut für Vorderasiastische Archäologie, both of the Freie Universität Berlin, and Forum Kritische Archäologie. Above all we wish to express our thanks to Ian Hodder for his willingness to engage over the course of a long afternoon with our comments and questions.

The discussion took place in two successive meetings. We first met without the author, trying to stake out some of the important themes of the book that we wished to explore in more detail. The second meeting a week later, this time with Ian Hodder, was devoted to commenting on and questioning specific elements of the theoretical arguments presented in the book. We felt that the discussions helped us to understand the positive sides of his theory of entanglement but that they also highlighted a number of problems. In this commentary we summarize our thoughts on the positions laid out in Entangled in light of our various readings and these two sets of discussions.  As will become clear the turns taken in this discussion as well as some of the arguments reflect German archaeological discourse and its specific cultural and historical background.

 

Ian Hodder
Dis-entangling entanglement: a response to my critics   [Abstract]

 

I very much enjoyed my recent visit to the Institut für Vorderasiatische Archäologie in the Freie Universität Berlin, and am very grateful for the time and thought that had gone into preparing for my visit. The resulting discussion was very productive and in-depth, and I found the written commentary very helpful in thinking through my ideas about entanglement andin developing them further. In answering the discussion points fully I would end up writing another book! I do not feel I can do justice to all the points raised in this relatively brief response. Rather I would like to react to some of the issues selectively, and to make some general points that deal with broad groups of comments, for example those that deal in some way with directionality and the possibility for dis-entanglement.

 

Streitraum 'Hodder: Entangled' als Reader

 

[Gesamte Ausgabe 3 (2014) als Reader]

 

 


Zweite Ausgabe (2013)

 

Inhalt

Forschungsbeiträge

Petra Wodtke
Archäologie als Kulturwissenschaft.   [Zusammenfassung]  [Abstract]

Der Begriff der „Kulturwissenschaften“ kursiert seit einigen Jahrzehnten in der deutschsprachigen Hochschullandschaft. Mit ihm werden je nach Fach und Ausrichtung ganz verschiedene Inhalte und Formalia verbunden. Außerdem hat er die geisteswissenschaftlichen Disziplinen in unterschiedlicher Intensität durchdrungen. Der vorliegende Beitrag möchte das Potenzial einer Zuordnung der Archäologien zu den „Kulturwissenschaften“ aufzeigen. Zu diesem Zweck werden fünf Punkte vorgeschlagen. Diese verstehen sich gezielt als ein Angebot an die Archäologien innerhalb des deutschsprachigen Diskurses, ohne jedoch die anglophonen Hintergründe der cultural studies auszublenden. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme bisheriger Anwendungsfelder des Begriffs der Kulturwissenschaften im deutschsprachigen Raum, wird anhand der fünf Punkte erläutert, wie er auf einer methodolo - gischen Ebene zu einer Verknüpfung der Archäologien untereinander und der Archäologien mit anderen Kulturwissenschaften beitragen kann: 1 Orientierung und Grenzen nach außen, 2. Orientierung und Grenzen nach innen, 3. Dekonstruktion und Konstruktion von Begriffen, 4. Selbstreflexion und Offenlegung der eigenen Denkstrukturen, 5. Offenlegung der Modelle und Herleitung der Interpretationen. Das so formulierte Angebot zielt darauf ab, für die Archäologien eine Möglichkeit bereitzustellen, sich innerhalb der kulturwissenschaftlichen Debatten selbstbewusst zu positionieren und somit zu stärken. Abschließend wird in einem Ausblick eine kulturwissenschaftliche Orientierung als eine mögliche neue Strömung in den Archäologien vorgeschlagen.

 

The concept of Kulturwissenschaften has been discussed for several decades in German-speaking academia. Depending on the discipline and the general perspective, a variety of different meanings and structures are implied. Furthermore, the concept has permeated the humanities to varying degrees. This paper aims to show the potential of anchoring archaeology within the sphere of Kulturwissenschaften. With this goal in mind, five points will be discussed. They are to be understood as specific to archaeology within the German discursive realm, without, however, forgetting references to the anglophone "cultural studies." After a brief review of the fields in which the concept of Kulturwissenschaften has been applied in the German-speaking realm, I then discuss how the concept can contribute methodologically to a linking of different specialized archaeologies, and archaeology as a synthetic field, with other Kulturwissenschaften. I draw on the following five points: 1) external directions and limits thereof, 2) internal directions and limits, 3) deconstruction and construction of concepts, 4) self-reflection and scrutiny of one's own ways of thinking, 5) presentation of models and the construction of interpretations. The aim is to afford archaeology the possibility to position itself self-consciously within kulturwissenschaftliche debates and of strengthening its impact in academic discourse. Finally, looking into the future, the paper proposes a kulturwissenschaftliche orientation as a possible new direction in archaeology.

 

Leila Papoli Yazdi et al.
Uncomfortable, irregular, anarchist: an archaeology of repetition. Archaeological investigations in the Faculty of Art and Architecture, Bu Ali Sina University (Hamadan, Iran).   [Zusammenfassung]  [Abstract]

Haben historische Prozesse das Potential sich zu wiederholen? Der vorliegende Artikel arbeitet zwei Fälle auf, einen aus den 1970er Jahren und einen aus dem Jahre 2009, die ein solches Phänomen darstellen. Die politischen Zustände im heutigen Iran werfen die Frage auf, warum Proteste die politische Struktur im Iran niemals substanziell verändert haben und warum es trotz der zwei bedeutenden politischen Bewegungen im letzten Jahrhundert wiederholt zu Diktaturen kam. Der vorliegende Artikel versucht dieser Frage nachzugehen, indem er materielle Kultur aus einer archäologischen Perspektive interpretiert. Er ist das Ergebnis einer archäologischen Untersuchung, die 2009 in dem Gebäude der Fakultät für Kunst und Architektur an der Bu Ali Sina Universität, Hamadan, Iran durchgeführt wurde. Die funktionelle Nutzung des Fakultätsgebäudes veränderte sich in den 1960er und 1970er Jahre mehrfach. Bei der archäologischen Untersuchung der ersten Nutzungsphase des Fakultätsgebäudes als Haftanstalt in den 1970er Jahren, fanden Archäologinnen und Archäologen die Existenz eines exilierten Professors vor. In der materiellen Kultur des Gebäudes ist der Widerstand dieses Professors gegen ein diktatorisches politi - sches System repräsentiert.

 

Do historical processes have the potential of being repeated? This article presents such a possibility by studying two cases in Iran, one from the 1970s and the other from 2009. The political circumstances of contemporary Iran have posed this question: why have the political protests never truly changed the political structure? Why are we repeatedly experiencing dictatorship despite two great political movements over the last century? This article tries to reconsider this issue by interpreting material culture from an archaeological perspective. It is the result of an archaeological investigation conducted in 2009 in the Faculty of Art and Architecture of Bu Ali Sina University, Hamadan, Iran. The function of the faculty building changed several times during the 1960s and 1970s. In the process of investigating the first function of the faculty as a 1970s detention centre, archaeologists discovered that the material culture represented the existence of an exiled professor and the process of his resistance against a dictatorial political system.

 

Stefan Schreiber
Archäologie der Aneignung. Zum Umgang mit Dingen aus kulturfremden Kontexten.   [Zusammenfassung]  

Archäologie wird oft als Wissenschaft vergangener materieller Kultur verstanden. Je mehr wir aber versuchen, diese Welt der Dinge zu begreifen, desto komplizierter erscheint sie uns. Die Dinge wehren sich – sie sträuben sich gegen unsere Versuche, sie zu zähmen. Früher waren sie einfach Artefakte. Wir stellten sie her und zerbrachen sie wieder. Sie gehörten uns, waren unsere verlängerten Arme, unsere Werkzeuge, unser materialisierter Wille. Je genauer wir aber hinschauen, desto mehr verschwimmen derartige Vorstellungen. Stattdessen stellt sich zunehmend heraus, dass Dinge Mittler zwischen Menschen sind. Ohne sie wären wir keine sozialen Wesen.

Die vorliegende Arbeit knüpft an Diskussionen anderer Wissenschaften um das Wesen der Dinge an. Insbesondere in der Ethnologie, der Soziologie, den Material Culture Studies und der kulturanthropologischen Konsumforschung hat seit den 1980er Jahren ein Perspektivwechsel stattgefunden. Statt die Welt der Dinge aus der Betrachtung auszuklammern, kann man mittlerweile von einem regelrechten "Turn of Things" sprechen. An der deutschsprachigen Archäologie ist er bislang jedoch vorbeigegangen. Das verwundert, bilden Dinge doch die Quellenbasis der Archäologie schlechthin. Aus diesem Grund beabsichtige ich, das Zusammenwirken von Menschen und Dingen aus dieser neuen Perspektive näher zu betrachten.

 

 

Streitraum

Dawid Kobiałka
On (very) new and (extremely) critical archaeologies, or, why one may remain forever eighteen years behind the truly new.   [Zusammenfassung]  [Abstract]

Heutige Archäologien sind komplex und vielfältig. Es ist z.B. einfacher, die Unterschiede zwischen prähistorischer Archäologie (z.B. Childe 1929) und der Archäologie der nahen Vergangenheit (Buchli und Lucas 2001) zu bestimmen, als ihre Gemeinsamkeiten zu finden. Das Gleiche gilt für die Geschichte der Archäologie als solche. Vereinfacht ausgedrückt, bereitet es keinerlei Schwierigkeiten, die Unterschiede zwischen kulturhistorischer Archäologie, prozessualer und postprozessualer Archäologie aufzuzeigen (Trigger 2006). In diesem Artikel behaupte ich jedoch, dass jede der genannten Archäologien dieselben Ideen darüber beinhaltet, was „neu“ ist, bzw. was „Kritik“ bedeutet. Die These des vorliegenden Textes ist, dass sich für gewöhnlich nicht viel Neues hinter den Ideen verbirgt, die sich als neu und innovativ ausgeben (Žižek 2008).

 

Contemporary archaeologies are complex and diverse. It is easier to find things that differentiate prehistoric archaeology, for example, (e.g. Childe 1929) from the archaeology of the contemporary past (Buchli and Lucas 2001) than to identify what both share. The same claim applies to a history of archaeology as such. To simplify, to indicate the differences between culture-historical archaeology, processual archaeology and post-processual archaeologies does not cause many problems (Trigger 2006). However, in this article I claim that these archaeologies use in a very same way the ideas of what ‘new’ and ‘critique’ in archaeology are about. The thesis of this text is: there is usually not so much truly new in the ideas that are described as new and innovative (Žižek 2008).

 

Reinhard Bernbeck
In Defense of "the New": a Response to Dawid Kobiałka.   [Abstract]

 

On a first reading of Dawid Kobiałka’s reflections, I found a lot to agree with. A second reading, however, led me to take a rather different perspective on three grounds: (1) his claims to the global reach of theoretical discourse are mistaken; (2) he adroitly but inappropriately mixes different forms of the “new”; and (3) he tends to dismiss the endeavor of critique as wrongheaded.

 

 

[Gesamte Ausgabe 2 (2013) als Reader]

 

 


Erste Ausgabe (2012)
Diskussion: Was ist eine kritische Archäologie

Inhalt

HerausgeberInnen-Kollektiv (Aydin Abar, Reinhard Bernbeck, Christoph Forster, Johannes Greger, Carolin Jauss, Susan Pollock)
Vorwort   

 

 

Alexander Herrera
Ein Kurzbeitrag zur kritischen Archäologie aus Lateinamerika    [Abstract]

 

In Latin America the relationship between praxis, objects, and archaeological sites is shaped by dynamic political contexts. The proliferation of transnational interests and the deepening of neo- and endocolonial networks along with the emergence of social and indigenous movements call into question conceptions of the indigenous past based on Enlightenment thought as well as the role of archaeology. Since mining and the tourism industry dominate global discussions concerning archaeology and development, the emphasis in this essay will be on local alternatives in the realm of agricultural development, which draw together archaeological and indigenous knowledge.

 

Yannis Hamilakis
"...Not being at home in one's home": ontology, temporality, critique   

 

 

Leila Papoli Yazdi & Omran Garazhian
Archaeology as an imported commodity: a critical approach to the position of archaeology in Iran   

 

 

Hans Peter Hahn
Archäologie und Ethnologie: Welche gemeinsamen Grundlagen?    [Abstract]

 

Anthropology and archaeology have much more in common than might be expected from a rapid look at current research and teaching practices. In particular, they share common foundations in the concept of culture, stemming from the first half of the 19th century. At that time, and in contrast to the usage of the notion in later times, culture was predominantly thought of as a universal: all humans are characterized by the fact of having culture. Only after 1850 was the idea of distinctiveness through cultures promoted by the idea, among others, of the evolution of societies. After 1850 systematic empirical methods were established in both anthropology and archaeology, and the concept of culture as a container was thereby operationalized. Cultures were thought of as distinctive and autonomous units that should be investigated separately. However, with the emergence of globalization, the concept of culture has changed again. Connections between cultures and societies have been pushed into the foreground of research. It is not by accident that both archaeology and anthropology have experienced a real boom during these years. Their roots give them reason to claim to be experts in worldwide and universal connections as well as in the diversity of cultures. The current challenge is whether both disciplines will find a way to make the shared potential explicit and design new research paradigms with reference to it.

 

Matthias Jung
Was soll und was kann eine "kritische Archäologie" leisten?    [Abstract]

 

My contribution focuses on the relationship between theory and praxis, since the task of a “critical archaeology” is to mediate between these two spheres. Its target audience is the public, not other scholars. Critical archaeology is not part of scientific practice, but rather is part of intellectual reasoning that is both value-laden and that exercises practical critique. Respect for the specific logics of theory and praxis is crucial for its success. A “critical archaeology” that merits its name must steer its way between the Scylla of a technocratic paternalism that limits praxis and the Charybdis of submis - sion to theory under the presumption of the “relevance of praxis.”

 

Stefan Burmeister
Nach dem Post-    [Abstract]

 

The establishment of a Forum for Critical Archaeology is necessary and highly welcome. As in any science, interpretive statements in archaeology, in this case concerning prehistoric societies, are highly tinged with present-day ideologies. Archaeology is actively engaged in the mutual process of projection and feedback between the present and the past. It is the task of a critical archaeology to reflect on this process and to deconstruct the system- stabilizing function of traditional archaeology. Archaeology has to take responsibility for its political role. Posthumanism offers an exemplary case in which this kind of debate is demanded. Humanism, which began as a way to emancipate the subject, developed aggressive and repressive consequences in the course of its history. In particular, the ontological differentiation of species and anthropocentrism are criticized by posthumanism. The person as a being has to be seen as a hybrid that is constituted in mutually symmetric actions (Handlungen) with objects and other creatures. According to actor-network theory, objects have agency, a claim that requires a new understanding of social sciences. Symmetrical archaeology has introduced this concept into archaeology. Ontological difference should not be an a priori prerequisite for scientific analysis. The advocates of symmetrical archaeology take the anti-ontological and egalitarian notion as an ethical principle as well, a point that needs to be debated. The posthumanist paradigm also has a technological side, which is seen especially in eugenics and the development of genetically modified organisms. These change power relations, with an emerging new – and repressive – social order, which should be taken into account in philosophical debates. A critical archaeology must take a position on these issues.

 

Constance von Rüden
Der Tigersprung ins Vergangene - ein Plädoyer für eine Kritische Archäologie    [Abstract]

 

This plea for a critical archaeology begins with Walter Benjamin's reflection on the relationship between the present day and the construction of the past. From there it develops some thoughts about the impact of current political, economic and social interests as well as prevailing Lebenswelten on our views of history. Despite the experiences with German archaeology during the Third Reich, such an approach has received comparatively little attention. Rather, in the postwar period there was a tendency to take refuge in a mostly positivist and thus supposedly apolitical, objective archaeology, which raised decontextualized knowledge production to the status of dogma without exposing it as the result of a modernist ideology or recognizing political praxis in both archaeology and other disciplines.

In my opinion the subject of a critical archaeology should be the production of archaeological knowledge and the calling into question of the present-day constructions and categorizations of our late-capitalist, neo-liberal world. It is not about producing better, more reliable knowledge. Rather, it is about the emergence of a critical consciousness with regard to the social foundations of knowledge and the highlighting of new alternative and previously non-dominant discourses. Some examples of spheres of archaeological knowledge production that would be worth investigating are touched upon in order to speak in favor of a critical archaeology that makes these important issues its central task.

 

Meredith S. Chesson
Achieving an Angle of Repose? Ethics and Engagement in Critical Archaeology   

 

 

Raphael Greenberg
Critical archaeology in practice   

 

 

Randall H. McGuire
Critical archaeology and praxis. [deutsche Version: Kritische Archäologie und Praxis]   

 

 

Claire Smith
The benefits and risks of critical archaeology   

 

 

Cornelius Holtorf
Kritische Archäologie ist angewandte Archäologie    [Abstract]

 

Critical archaeology is applied archaeology. Critical archaeology is an archaeology that helps the community of citizens make decisions in their best interest. Such an archaeology is applied in the sense that it is used to give answers to some of the big issues to be addressed in contemporary society. Applied archaeology provides tangible benefits and thus becomes an indispensable part of society. As a short example I briefly discuss a new project on applying archaeological knowledge to the problem of how to communicate the dangers of nuclear waste disposal sites across very long time-spans of 100,000 years or more. Applied archaeology is important because it is critical to society!

 

Stefan Altekamp
Kritische Klassische Archäologie?    [Abstract]

 

This essay examines the relationship between an existing and a potential Classical, i.e. Graeco-Roman archaeology. It situates Classical archaeology within the broader field of archaeology and draws a sketch of its specific characteristics starting from the history of the discipline with its roots reaching back to the Renaissance, its specific material record, methodological aspects, and its role within insti - tutional academic contexts right through to its relationship with public media. The view looking backward forms the background of a critical assessment of both recent influences, including research questions stemming from other archaeological fields, the relevance of field projects, or a neo-positivist emphasis on science and technique, and potential directions of the discipline.

 

Julia Budka
Zur Notwendigkeit einer kritischen Archäologie – einige Bemerkungen aus ägyptologischer Perspektive    [Abstract]

 

As a distinct critical approach to all kinds of archaeological materials and their respective interpretations, "critical archaeology" can be understood quite literarily. The main objective of such an archaeology is in my opinion a reflected and selfcritical perspective. To be aware of one's own subjective view includes a consideration of the history of research of individual archaeological disciplines, their schools and specialized centers.

Germanspeaking Egyptology is still in its infancy as far as a theoretical discourse is concerned. Recent advances have been made especially in the assessment of possible influences of the Nazi era on Egyptologists. As far as a critical approach to the continuing colonial excavation system is concerned, a fresh discussion comes from Britain (Quirke 2010). Colonial and postcolonial residues within some interpretations have been primarily discussed in terms of the relationship of Egypt and other parts of Africa (Morkot 2003; Smith 2003).

The paper presents two case studies that illustrate the potential of "critical archaeology": (1) the interpretation of Nubian cultures – which were once established from an Egyptcentered perspective with a clear colonial attitude, and (2) the Egyptological history of research on sexuality/sexual acts in Ancient Egypt, a still very incomplete area of research that clearly reflects the personal and social backgrounds of the authors of these studies (cf. Dowson 2008, Parkinson 2008).

It goes without saying that the biographies of past individuals, their feelings, social interactions and daily activities will always be hard to grasp and that they will be mostly invisible in the archaeological record. Despite these difficulties we should aim at reconstructing ancient cultures in a selfreflective and critical way. Both the awareness of the speculative character of our interpretations and the need to actively reconstruct patterns of ancient lives must have their place in archaeological studies. They deserve space in any academic curriculum as well as in research applications and projects.

 

Beat Schweizer
Kritische Archäologie(n). Zwei oder drei Dinge, die ich davon weiß   

 

 

Carolyn Nakamura
Archaeology and the capacity to aspire [deutsche Version: Archäologie und die Fähigkeit des Bestrebens]   

 

 

Ömür Harmanşah
Critical archaeologies for political engagements with place   

 

 

Jason De León
Victor, archaeology of the contemporary, and the politics of researching unauthorized border crossing: a brief and personal history of the undocumented migration project   

 

 

Maria Theresia Starzmann
Kritische Archäologie: Gedanken zu einer undisziplinären und dekolonialen Wissenschaft   

 

 

Alfredo González-Ruibal
Against post-politics: a critical archaeology for the 21st century   

 

 

HerausgeberInnen-Kollektiv (Aydin Abar, Reinhard Bernbeck, Christoph Forster, Johannes Greger, Carolin Jauss, Susan Pollock)
Kommentar_der_Herausgeber_Innen   

 

 

 

[Gesamte Ausgabe 1 (2012) als Reader. Diskussion: Was ist eine kritische Archäologie]

 

 

ISSN: 2194-346X